Tommy Reyes Martinez

March 25, 2017

 

 

 

Tommy Reyes war früher Tänzer im kubanischen Nationalballett und führt heute das kleine Restaurant „Notre-Dame de Bijoux“ in seinem Haus im Viertel San Leopoldo im Zentrum von Havanna. Als Raul Castro im Herbst 2011 ein wenig Privatwirtschaft auf der planwirtschaftlichen Insel erlaubte, bewarb Reyes sich um eine Restaurantlizenz. Seitdem zieht er jeden Morgen durch sein Viertel auf der Suche nach Lebensmitteln, und zwar nach den günstigsten. Denn jeden Monatsanfang will der Staat 100 Dollar für die Lizenz haben. Und es ist schwierig, in Kuba mit einem Restaurant Geld zu verdienen.

Reyes sagt: „Es ist ein täglicher Kampf.“ Er sagt auch: „Es hält mich am Leben, ich habe weniger Zeit, darüber nachzudenken, wie schrecklich beschränkt das Leben in Kuba ist.“

Die kubanischen Grundnahrungsmittel Fleisch, Reis, Bohnen und Eier sind teuer, wenn man sie nicht mit den Lebensmittelmarken zahlt, die der Staat am Anfang jedes Monats ausgibt. Ein Kilo Reis zum Beispiel kostet mit Marke 80 Centavos, ohne Marke fünf Pesos, auf dem Schwarzmarkt zwei Pesos. Und alles, was in Kuba nicht zu den Grundnahrungsmitteln zählt, ist unerschwinglich. Rindfleisch zum Beispiel würde Reyes seinen Gästen nie anbieten. Niemand wäre bereit, den Preis zu bezahlen. Überhaupt kann er von einem Kubaner nicht viel für ein Essen verlangen, schließlich verdient er im Durchschnitt nur 15 Dollar im Monat. Also kostet das Essen im Notre-Dame de Bijoux einen Dollar.

 

 

Die Lebensmittel, die Tommy Reyes mit den Rabattmarken kaufen kann, reichen aber gerade, um seine Gäste zwei Tage zu bekochen. Und so geht Tommy Reyes jeden Morgen zuerst zum Schwarzmarkt. Der befindet sich in Kuba in Privatwohnungen. Deren Bewohner haben entweder Bekannte auf dem Land, die ohne staatliche Lizenz Tiere züchten und schlachten, Öl pressen oder Reis anbauen und die Lebensmittel deshalb günstiger verkaufen können. Oder sie klauen das Fleisch, die Bohnen und den Reis vom Großmarkt.

 

Tommy Reyes’ Haus ist ein kleines Museum. Auf Kommoden und schmalen Tischen stehen Porzellanfiguren aus Asien und Europa, Köpfe von Schaufensterpuppen, Schreib- und Nähmaschinen. Die Wände sind gepflastert mit Tassen und Untertassen, Tellern, Stofftieren und Bildern. Das Haus ist sein Lebenswerk.

„Es ist der einzige Ort auf der Welt, an dem ich mich wirklich wohlfühle“, sagt er. „Nur hier kann ich ganz ich selbst sein.“ Dass Reyes so denkt, hat damit zu tun, dass er schwul ist. Homosexualität gilt in Kuba noch immer als Krankheit. Die Nachbarn zum Beispiel vergessen in keinem Gespräch über Tommy Reyes, zu erwähnen, dass er ein „Problem“ habe und einen „Fehler“.

Aber Reyes hat geschafft, dass die Bewohner von San Leopoldo ihn dennoch respektieren. Wenn Reyes sich nachmittags vor sein Haus auf die Straße setzt, geht niemand vorbei, ohne ihn zu grüßen. Zum einen lieben die Kubaner, die keine Computer haben, die nicht reisen und nur das langweilige Programm von vier staatlichen Fernsehsendern ansehen können, skurrile Menschen wie Tommy Reyes. Zum anderen ist Reyes für seine Nachbarn ein Wohltäter: Er beschäftigt vier Köchinnen, zwei Kellner und zwei Jungen für alles. Der Nachbarin vom Haus gegenüber kauft er fast jeden Tag selbst gemachte Nachspeisen ab, einen Nachbarn, der vier Häuser weiter wohnt, beauftragt er alle sechs Monate, die Wände der Dachterrasse mit neuen Motiven zu bemalen – Tommy Reyes’ Haus ist einstöckig und klemmt zwischen zwei zweistöckigen Gebäuden, so dass viel Platz für Wandgemälde ist.

 

Das Haus hat er mithilfe von Freunden aus Italien gekauft, selbst hätte er es sich nie leisten können, als Balletttänzer verdiente er den Mindestlohn und seine Familie ist arm. Er kennt die Italiener aus seiner Zeit als Balletttänzer, in den 60er und 70er Jahren tourte er mit dem kubanischen Staatsballett durch die Welt und tanzte auch in Rom. Vor 20 Jahren, Tommy Reyes hatte gerade eine zweijährige Haftstrafe wegen Devisenbesitzes – in den frühen 90er Jahren eine Straftat – verbüßt, brachten die Italiener ihm 5000 Dollar in Pesos, als Startkapital für ein neues Leben. Tommy Reyes kaufte das Haus, beantragte und bekam eine Lizenz, um ein Zimmer an Touristen zu vermieten. Doch nach zehn Jahren war Schluss. Reyes hatte ein zweites Zimmer ohne Lizenz vermietet, eine Nachbarin hatte ihn verraten. In den Jahren danach fand er keinen Job, der ihm ausreichend Geld einbrachte, um sein Haus in Schuss zu halten. Und so musste er zusehen, wie es verfiel. Von den Decken bröckelte erst der Putz, irgendwann tropfte es durch dicke Löcher, wenn es regnete.

Das Restaurant, sagt Reyes, sei die Rettung für sein Haus gewesen

 

 

Share on Facebook
Please reload

Aktuelle Einträge

March 25, 2017

October 30, 2015

Please reload

Archiv
Please reload

Schlagwörter
Please reload

Folgen Sie uns!
  • Facebook Basic Square
Homepage David D Omni Free Hop
Homepage David D Omni Free Hop
Homepage David D Omni Free Hop